Phakinee

ภคินี ดอกไม้งาม

Neue Literatur und alte Medizin

Im Zentrum der Mitgliederversamlung der Hamburger Gesellschaft für Thaiistik standen je ein Vortrag über westliche Einflüsse auf die zeitgenössische Literatur in Thailand sowie über die Geschichte und Praxis der traditionellen Thai Massage.

Prof. Trisin und Phakinee beim Vortrag

Hamburg. Auf den ersten Blick hatten die beiden Vorträge bei der Mit­glieder­versammlung der Hamburger Gesellschaft für Thaiistik (HGT) im Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg wenig miteinander zu tun. Es ging um thai­ländi­sche Literatur des 20. Jahr­hunderts und um die Geschichte und Praxis der traditionellen Thai Medizin, insbesondere der Massage. Einigen Raum nahm in beiden Vorträgen der westliche Einfluß auf diese Bereiche ein, der erheblich war und ist.

Nach den Formalitäten, die zu Beginn der Versammlung von den Mitgliedern schnell und einmütig auf den Weg gebracht wurden, sprach Gastprofessorin รศ.ดร. ตรีศิลป์ บุญขจร Dr. Trisin Bunkhachon („Trisilpa Boonkhachorn“) von der Bangkoker Chulalongkon Universität in einem englisch gehaltenen Vortrag über westlichen Einfluß auf die thailändische Literatur des 20 Jahrhunderts. Dabei stellte sie auch neueste Literatur des 21. Jahrhunderts vor, die sich besonders gut zur Illustration des Themas eignete.

Denn viele zeitgenössische thailändische Schriftsteller haben sich mit ihren Romanen und Kurzgeschichten westlichen Genres verschrieben, so die Referentin. Allerdings bleibe es dennoch „typische“ Thai-Literatur in einem „typischen“ Thai-Umfeld. Der konkrete Einfluß einzelner westlicher Schriftsteller sei hoch, obwohl sie auch direkte Einflüsse etwa der Nobelpreisträger Nagib Mahfuz und Gai Xingian aufzeigte. Insgesamt überwiegen jedoch die Namen von Schriftstellern wie Umberto Eco, Günther Grass, James Joyce, Jorge Luis Borges und Bertolt Brecht, sagte Professorin Trisin.

Warum? „Thai Schriftsteller haben ähnliche Ansichten wie westliche Schriftsteller, was zum Beispiel die Globalisierung und den Antikapitalismus betrifft“, führte Prof. Trisin aus. Als Beispiele nannte und erklärte sie unter anderem die Romane The Brotherhood of Kaeng Khoi von อุทิศ เหมะมูล Uthit Hemamun („Uthis Haemamool“); คนแคระ Khon Khrae („Der Zwerg“) von วิภาส ศรีทอง Wiphat Sithong und เงาสีขาว Ngao Si Khao (Der weiße Schatten) von แดนอรัญ แสงทอง Daen-aran Saengthong (Pseudonym von เสน่ห์ สังข์สุข Sane Sangsuk).

Exkurs: Wer neugierig auf die übersetzte zeitgenössische Thai-Literatur geworden ist, findet hier einiges:

Marcel Barang (Literarischer Übersetzer): http://marcelbarang.wordpress.com/category/english/page/5/
Thai Fiction in English: http://thaishortstories.wordpress.com/
Thai to English Fiction: http://thaifiction.wordpress.com/
Thai Fiction in Translation: http://thaifiction.com/

Deutschprachige empfehlenswerte Seiten zum Thema Thai Literatur kenne ich leider nicht. Die wenigen vorhandenen sind zudem, einschließlich der deutschsprachigen Wikipedia-Seite, allesamt hoffnungslos veraltet.

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ภคินี ดอกไม้งาม Phakinee Dokmaingam (Phakhini Dokmai-ngam) gab im zweiten Vortrag einen Überblick über die Geschichte und Praxis der traditionellen Thai Massage, die in Thailand von alters her als Teil der Medizin gilt. Masseur heißt หมอ นวด Mo Nuat: „Mo“ ist Arzt, „Nuat“ heißt Massage oder auch sinngemäß „manipulative Medizin“. Die alte Thai Medizin kannte keine Chirurgie. Alle Krankheiten und Gebrechen versuchte man von außen zu heilen.

Nachdem die alte Medizin – und damit auch die Massage –, aufgrund des westlichen Einflusses seit Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell nicht mehr als gleichberechtigtes Medizinische Instrument anerkannt und offiziell fast schon verdrängt war, erlebt sie seit etwa 30 Jahren eine Renaissance.

Die Ausbildung, so die Referentin, hat sich allerdings stark verändert: Vor 25 Jahren reichte eine Ausbildung, die 30 Stunden dauerte, für das erste Zertifikat: Learning by doing. Auf der anderen Seite waren Massageschulen damals wenig kommerzialisiert: Winzige „Klassen“, ein Lehrer mit zwei oder drei Schülern, waren die Regel, auch im Wat Pho. Heute haben Massagekurse oft 70 und noch mehr Schüler und schon die Grundausbildung für Massage am gesunden Körper dauert 150 Stunden.

Für Reflexzonen-, Kopfmassage und anderes gibt es eigene Kurse. Wer sein Wissen weitergeben will, oder einen Abschluß in der im Hotelwesen oft gewünschten „Western Spa Massage“ machten will, braucht zusätzliche Lehrgänge, die sich normalerweise auf weitere 372 Stunden über sechs Wochen verteilen. Ohne mindestens einen dieser Grundnachweise der Stufe 1 kann man in Thailand nicht legal als Masseur arbeiten. Für medizinische Massage (bei konkreten Beschwerden) ist eine eigene Ausbildung vorgeschrieben.

Am Ende der Stufe 2 steht die staatliche Prüfung in Traditioneller Thai Massage. Diese Ausbildung ist inzwischen zum begehrten Einstieg ins Gesundheitswesen geworden, zum Beispiel als Arzthelfer, Krankenpfleger oder Krankenschwester, denn diese Weiterbildung wird staatlich gefördert.

[Exkurs: Genau wie übrigens auch das reguläre Studium zum traditionellen Arzt. Das Studium der traditionellen Thai Medizin endet heute mit dem การแพทย์แผนไทยประยุต์บัณฑิต (Bachelor of Applied Thai Traditional Medicine) bzw. พทป.บ. (B.ATM.) und dauert vier Jahre, zum Beispiel an der Mahidon Universität.]

„So kann man in Thailand heute über die traditionelle Massage den Einstieg in einen guten Beruf im Gesundheitswesen schaffen. Und die alte Heilkunst ist wieder mit der modernen vereint“, schloß die Referentin.

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Beiden Vorträgen schloß sich eine lebhafte Diskussion an.

In der Versammlung wurde auch ein soeben auf Thai erschienenes Buch vorgestellt: ระบบการศึกษานอกโรงเรียนไทยในสหพันธ์สาธารณรัฐเยอรมนี („Thailändisches außerschulisches Bildungssystem in der Bundesrepublik Deutschland“), herausgegeben im 13. Jahr nach Gründung des ersten Thai-Fernkursbüros in Deutschland. Es ist wenig bekannt, daß in Deutschland für Thai-Staatsbürger die Möglichkeit besteht, auf dem zweiten Bildungsweg anerkannte thailändische Berufsabschlüsse zu machen. Je nach Verfügbarkeit von ehrenamtlichen Lehrern, die von der Botschaft eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten, gibt es in ganz Deutschland verteilt bereits acht derartige Stützpunkte, die von großem Engagement getragen werden..

Die HGT-Versammlung beschloß einstimmig, im Rahmen einer künftigen Veranstaltung die bestehenden Möglichkeiten vorzustellen und die Autorin des Buches dazu nach Hamburg einzuladen.

Eine Antwort auf Neue Literatur und alte Medizin

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