Phakinee

ภคินี ดอกไม้งาม

Thai Elite, Geschichte, Blockade

Eines der wichtigsten Thailand-Bücher zum Verständnis der aktuellen Situation: Volker Grabowskys "Bevölkerung und Staat in Lan Na", Harrassowitz Verlag, 633 Seiten, 58 Euro.

Sollte man gelesen haben

Bangkok. Wer die besorgniserregende politische Verfassung Thailands verstehen will, muß sich mit seiner Geschichte befassen. Eine der besten und dennoch erstaunlich wenig bekannten Quellen, um dies zu tun, ist Volker Grabowskys 1996 in Hamburg angenommene, aber erst 2004 als Buch erschienene Habilitationsschrift Bevölkerung und Staat in Lan Na.

Eine vergleichbare Pionierarbeit, die neben den allgemein bekannten Quellen aus Bangkoker Archiven auch viel weniger bekannte Dokumente aus Nordthailand und Laos wissenschaftlich aufarbeitete, gab es zuvor in keiner anderen Sprache, auch nicht auf Thai.

Ich habe das Buch schon einmal empfohlen (TIP Zeitung für Thailand, 5. Dezember 2011, Seite 38), und nehme den derzeitigen katastrophalen gesellschaftlichen Zustand des Landes zum Anlaß, um erneut auf diese Quelle hinzuweisen, die vor teilweise verblüffenden Informationen über dieses so oft unverstandene Land nur so strotzt.

Die Blockade in Thailands Politik zeigt dem Beobachter derzeit vor allem eines: In dieser Gesellschaft der oberflächlichen Harmonie und der zur Schau gestellten Mai-pen-rai-Gleichgültigkeit scheint im Kern etwas faul zu sein. Anti-Regierungsdemonstranten, sogenannte „Demokraten“, die in der Vergangenheit mehr Geld als alle anderen Parteien in Thailand für die Bestechung von Wählern und Abgeordneten ausgegeben haben (und trotzdem noch nie eine Parlamentswahl gewonnen haben), sprechen nicht mit der mit großer Mehrheit gewählten Regierung, die sie korrupt nennen. Sie verweigern sich den vom König bestätigten Wahlen. Ihr Anführer will erst die gesamte Verwandtschaft der Ministerpräsidentin, so wörtlich, „beseitigen“, bevor er selbst die Macht übernimmt und dann vielleicht gnädigst – in ferner Zukunft, versteht sich –, wieder einmal „Wahlen“ zulassen will, bei denen einem Teil der Bevölkerung, und zwar vor allem einem ganz bestimmten Teil, dann allerdings die demokratischen Wahlrechte beschnitten sind.

Diese Leute bedienen sich unter anderem sogenannter „Studenten“, d. h. in Wirklichkeit notorisch gewaltbereiter und berüchtigter Berufsschüler und geistesverwandter Rabauken, paramilitärischen Inkarnationen der กระทิงแดง Krathing Daeng– („Rote Gaur“) und Nawaphon-Schlägerbanden der 1970er Jahre, um Mitbürger zu terrorisieren, die bei der Wahl ihre Stimme abgeben wollen. Und sie sind sich als Ausdruck ihrer „demokratischen“ Gesinnung nicht einmal zu schade, in Hundertschaften vor der Schule des zehnjährigen Kindes der Ministerpräsidentin aufzukreuzen, um dem verängstigtem Knäblein dort per Megaphon großkotzig mitzuteilen, daß es sich auf einen schnellen Wechsel in eine Auslandsschule vorbereiten soll.

Um Demokratie geht es den Anführern der Protestierer also schon einmal gewiß nicht. Schon gar nicht dem Oberbrandstifter สุเทพ เทือกสุบรรณ Suthep Thueaksuban, einen der Scharfmacher der nach dem Putsch von 2006 (und „Kauf“ von Abgeordneten für fast 50 Millionen Baht pro Stubsnase) an die Regierungsmacht gelangten erzkonservativen พรรค ประชาธิปัตย์ Phak Prachathipat, der offiziell sogenannten „Demokratischen Partei“.

Aber worum geht es ihnen dann? Suthep darf man getrost als einen der skrupellosesten Thai-Politiker der letzten 30 Jahre bezeichnen, der unter anderem dafür sorgte, daß die Regierung von Chuan Likphai über Korruptionsskandale stolperte, für die er als Minister nicht nur verantwortlich, sondern an denen er aktiv beteiligt war. Nach Wikileaks-Dokumenten war ausgerechnet er auch derjenige, der dem US-Botschafter 2006 versicherte, daß König Phumiphon den Militärputsch unterstützt hätte. Alleine dadurch steht fest, daß dieser moderne Thai-Schicklgruber Narrenfreiheit genießt und die mächtigsten Institutionen des Staates hinter sich weiß. Denn jeder Normalbürger, der in Thailand derartiges von sich gibt, wandert 15 Jahre ins Gefängnis wegen der Beschädigung geheiligter Institutionen des Staates.

Suthep ist die Gallionsfigur des mehr und mehr verzweifelten Kampfes einer eitlen selbsternannten Elite um die Töpfe der Macht. Dabei ist aber noch längst nicht ausgemacht, wer bei diesen Spielchen eigentlich die Rolle des nützlichen Idioten spielt und wer die Nutznießer sein werden, falls es überhaupt jemals welche geben wird.

Das wirkliche Problem des Landes hat allerdings viel ältere Wurzeln und geht Jahrhunderte zurück. Es liegt vor allem darin begründet – und hier kommt das Thema der genannten Forschung ins Spiel –, daß Thailands Gesellschaft keineswegs so homogen ist, wie das bei oberflächlicher Betrachtung scheint. Es beginnt schon mit der nur scheinbar einfachen Frage, wer nun eigentlich in Thailand „Thai“ ist und wer nicht.

Denn kaum ein ausländischer Besucher wird hier der Tatsache gewahr, daß sowohl die priviligierten Nachkommen der alten Herrscherfamilien, sowie auch der neureiche, überwiegend chinesischstämmige Geldadel in und um Bangkok auf den Großteil der weniger priviligierten Landsleute überwiegend distanziert bis offen abschätzig blickt. Man kann das, wie vieles in Thailand, schönzureden versuchen (natürlich gibt es Ausnahmen!), aber es ändert nichts an den Tatsachen. Die weit verbreiteten diskriminierenden Vorbehalte betreffen vor allem Abkömmlinge der einst als Kriegs- und Arbeitssklaven zwangsangesiedelten und jahrhundertelang von nennenswerter Bildung ferngehaltenen Khmer und Lao auf dem Gebiet des heutigen Thailands.

Ebenso betrifft es die einst ebenso unfreiwillig nach Ayutthaya und Bangkok gekommenen แขก khaek. Khaek bedeutet wörtlich „Gast“, steht aber im Sprachgebrauch auch für die Nachkommen der vor allem aus Kambodscha und dem alten Königreich Bethanien (Pattani) verschleppten mohammedanischen Sklaven, die unter anderem die Khlongs in der zentralen Ebene Thailands graben und unterhalten mußten, entlang derer sie noch heute überwiegend leben.

Volker Grabowsky, Jahrgang 1959, ist seit fast einem Jahrzehnt Leiter der Abteilung für Sprachen und Kulturen Südostasiens am Asien-Afrika-Instiut der Universität Hamburg. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte und Kultur der Thais, wobei mit diesem Begriff alle Thai-Völker, von Assam über ganz Südostasien einschließlich Südwestchina (Yünnan) und sogar bis Hainan gemeint sind.

Er war unter anderem im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) als Gastdozent an der Abteilung für Laotische Sprache und Literatur der Nationalen Universität von Laos in Vieng Chan (Thai: Wiang Chan) tätig und nutzte seine Zeit gut.

Für dieses Werk hat er hunderte, auch ausgesprochenen Experten bisher wohl überwiegend nicht oder jedenfalls kaum bekannte Manuskripte aus zum Teil entlegenen Quellen in Thailand und Laos durchforscht. Einige davon nutzte Grabowsky in diesem Werk erstmals für die wissenschaftliche Forschung. Und nebenbei räumt er auch noch gründlich mit verbreiteten Irrtümern und geschichtlichen Falschdarstellungen auf oder relativiert sie.

Es entsteht ein Bild aus dem Gebiet des heutigen Thailands und Laos, in dem ein Großteil der Bevölkerung von ihren jeweiligen Herrschern jahrhundertelang als reine Verfügungsmasse angesehen wurde. Diese hatte zu funktionieren und jederzeit an jedem Platz im Einflußbereich der Herrscher einsetzbar zu sein, je nachdem, was die Oberen mit ihren mehr oder weniger als Privatbesitz betrachteten „Kolonien“ gerade im Sinn hatten. Vor dem geistigen Auge des Lesers entsteht ein Bild von einem Feudalstaat, der verblüffend an die Vorstellungen der „Regierungsgegner“ erinnert, die derzeit in Bangkok – in aller Öffentlichkeit und von der Staatsmacht ungehindert – unter anderem den bei Touristen und Bangkokern gleichermaßen beliebten Lumphini Park zu einem versifften Campingplatz für chauvinistische Horden antidemokratischer paramilitärischer Individuen entstellt haben.

Zum Umgang der einstigen Bangkoker Elite mit den aus ihrer Sicht in fast jeder Hinsicht minderbemittelten Menschen in ihren „Kolonien“ gibt es ein interessantes Dokument, das Grabowsky auf Seite 197 zitiert. König Chulalongkon, der nach offizieller Darstellung die Bildung aller Thais so verdienstreich gefördert haben soll, tatsächlich aber lediglich seinen Söhnen das Studium im Ausland sponserte, schrieb am 12. Juli 1883 an den Hochkommissar von Chiang Mai, daß er, Chulalongkon, Chiang Mai „nicht als eigentlichen Bestandteil unseres Königreiches“ ansehe. Also im Klartext: Als Kolonie.

„Wir möchten lediglich die wirkliche Macht ausüben. […] die Lao sollen wie eine Maschine arbeiten, die wir ganz nach Belieben vorwärts und rückwärts drehen können. […] Das muß aber unbedingt stärker mit Verstand und Klugheit als mit Macht und Gewalt geschehen. Laß die Lao nicht erkennen, daß man sie knechtet und unterdrückt.“

Mit „Lao“ bezieht man sich aus Bangkoker Sicht oft noch heute sowohl auf das Gebiet des ehemaligen Mueang Lan Chang, als auch auf die Region des früheren Lan Na Thai sowie auf den Isan genannten Nordosten Thailands.

Im Lichte von Grabowskys Forschungen erscheinen übrigens auch die Birmanen in einem etwas anderen Licht als in der üblichen Darstellung. In Thailands offizieller Geschichte läßt man an dem seit jahrhunderten politisch instrumentalisierten „Erzfeind“ Birma bekanntlich selten ein gutes Haar. Wer nur die offiziell gelehrten historisierenden Geschichten kennt, staunt zum Beispiel, wenn er bei Grabowsky auf Seite 151 f. liest, daß der Herrscher Bayin-naung im 16.Jahrhundert großen Respekt vor der Kultur seiner Vasallenstaaten – darunter Lan Na (Chiang Mai), aber auch dem Mon Reich – hatte:

„Den Beamten war streng untersagt, die Bevölkerung zu schweren und überzogenen Frondiensten zu verpflichten. Sie wurden ermahnt, auf keinen Fall das Hab und Gut der Menschen […] zu konfiszieren. […] Die Birmanen ließen in den von ihnen beherrschten Vasallenstaaten die dortigen Machstrukturen im wesentlichen intakt.“

Grabowskys Arbeiten – keineswegs nur dieses Werk – wimmeln von Einblicken dieser Art, die selbst ausgesprochenen Thailand-Kennern (und sicher auch den meisten Thais) oft nicht geläufig sind. Es handelt sich bei diesem Buch um einen Augenöffner, den man gerade in der jetzigen politischen Situation gar nicht genug empfehlen kann.

Zu guter Letzt noch etwas, weil es gerade in diesem Bereich leider nicht oft etwas zu loben gibt: Die Typographie des Buchs, von der äußeren Gestaltung über den zweisprachigen Satz vieler Schlüsselbegriffe und ihrer Übertragung bis hin zu den Fußnoten, ist nahezu makellos.

Volker Grabowsky: Bevölkerung und Staat in Lan Na. Ein Beitrag zur Bevölkerungsgeschichte Sudostasiens. Wiesbaden: Harrassowitz 2004, xxvi + 609 Seiten, 58 Euro, ISBN 3-447-05111-6.

8 Antworten zu Thai Elite, Geschichte, Blockade

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