Phakinee

ภคินี ดอกไม้งาม

Bessere Thailand-Information

In Thailand marschieren derzeit viele hinter Fahnen her, als ob es gegen einen Feind von außen ginge. Die Richtung, in die es geht, scheint den Beteiligten ebenso unklar zu sein. (Bild: ช้าง เบามันน์)

Hinter Fahnen marschieren

Bangkok/Passau. Studenten und ehemalige Studenten der Universität Passau haben ein Tagebuch online gestellt, in dem sie mit Gastautoren unter dem Titel Passau Watching Thailand über politische und soziale Ereignisse informieren. Die aus­drücklich redaktionell und institutionell unabhängigen jungen Leute setzen Hintergrundinformation und Fach­kennt­nis gegen das leider weit verbreitete Nichtverstehen der politischen Auseinandersetzungen in Thailand. Das ist ein Vorhaben, dem man gar nicht genug Erfolg wünschen kann.

Über die Ursachen der verfahrenen politischen Situation, soweit man sie in Europa überhaupt zur Kenntnis nahm, ist in den vergangenen Monaten beklagenswert viel Unsinn verbreitet worden. Nicht selten durch Interessensvertreter, die erzreaktionären Monarchisten nahestehen oder diese hofieren. Letzteres gilt auch für bestimmte ausländische Nutznießer des Status quo. Ziel der Anti-Regierungs-Demonstranten in Bangkok ist die Zurückentwicklung des Landes in eine Art buddhistischen Feudalstaat, der auch von seinen Befürwortern bisher nur nebulös formuliert wird. Im Klartext ginge es in einem derartigen politischen Gebilde aber vor allem darum, daß der Wille von demokratischen Mehrheiten zugunsten der selbsternannten Machtelite künftig ignoriert werden kann.

Hinter den Protestierern stehen Mitglieder der mächtigsten und finanzstärksten Familien des Landes, die der Gegenseite, insbesondere der Familie der amtierenden Ministerpräsidentin Yinglak Chinnawat genau das vorwerfen, was in ihren eigenen Kreisen schon immer ausgiebig gepflegt wird: Korruption, hemmungslose Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit und Machtmißbrauch. In keinem anderen asiatischen Land „wehrt sich die traditionelle paternalistische Elite gegen die unaufhaltsamen Veränderungen so verbohrt und so dumm wie in Thailand“ (Willi Germund).

Dieser Geldadel finanziert die keineswegs spontanen antidemokratischen Proteste zum weit überwiegenden Teil. Selbst die verschrobensten politischen Ansichten ihrer Meinungsführer gelangen in Thailand nahezu ungefiltert in die Medien – und auch im Ausland, wenn verantwortliche Redakteure zu geringe Landeskenntnisse haben, um Fiktion von Fakten zu trennen und Propaganda zu erkennen.

Tatsächlich scheitern viele ausländische Thailand-Beobachter und -Schreiber schon an Grundkenntnissen. Erstens lesen und verstehen sie selten Thai und haben deshalb zu vielen Informationen keinen direkten Zugang. Zweitens sind sie selten lange genug vor Ort (und/oder haben erkennbar entscheidente Pflichtlektüren über Asien ignoriert), als daß sie fundierte Informationen über dieses vielschichtige Land nachvollziehbar zu recherchieren und weiterzugeben in der Lage wären. Und selbst das ist immer noch nur ein Teil des Bildes, denn leider gehen in diesem Konzert vielfach überflüssiger Akteure gerade die kenntnisreichen Stimmen, die es durchaus gibt, bisher fast unter.

Zum Beispiel wurde seit Beginn der Bangkoker Demonstrationen im Vorjahr der derzeit bekannteste deutsche wissenschaftlich tätige Experte für die Geschichte sowie die gesellschaftliche und ethnische Zusammensetzung Thailands, Hamburgs Thaiistik-Professor Volker Grabowsky, gerade mal von einem einzigen Medium zu diesen Vorgängen befragt: Am 14. Januar 2014 im Deutschlandfunk.

Die paramilitärisch ausgebildeten „Wachen“ von Suthep Thueaksuban wollen eine andere Art von „Demokratie“ in Thailand. Um die Hintergründe zu verstehen, ist die Lektüre der neuen Webseite „Passau watching Thailand“ äußerst hilfreich. (Bild: ช้าง เบามันน์)

Suthep Thueaksubans Demokratie-Krieger in Bangkok. Für welche Art von Demokratie marschieren sie?

An weitere, gewiß auch kompetente Thailand-Experten, etwa von der Berliner Humboldt-Universität, der Universität Passau (das sind weitere Zentren deutscher Thailand-Forschung) und weiteren, traute man sich gleich gar nicht heran, außer es ging etwa um thailändische Küchenkunst.

Gut über Thailand informierte Redakteure sind Mangelware. Und noch geringer ist die Zahl derer, die sich trauen, angesichts der seit Jahrzehnten zur politischen und persönlichen Diffamierung mißbrauchten, erst jüngst nochmals verschärften, drakonischsten Strafen der Welt für sogenannte „Majestätsbeleidigung“ (18 Jahre Gefängnis für ein einzelnes Vorkommnis) gewisses Hintergrundwissen zu verbreiten. Denn man will ja vielleicht wieder einmal in diesem Lande des oft unverstandenen Lächelns Urlaub machen, oder? Zu den wenigen, die es dennoch tun, gehören zum Beispiel Willi Germund sowie Beat U. Wiesner, der jüngst in der Neuen Zürcher Zeitung unter Überschriften wie Brandstifter am Werk oder Diktatur der Verlierer erfrischenden Klartext schrieb.

Information, die es bisher auf Deutsch nicht gab

Gegen die überwiegend schlechte Informationslage setzt man nun in diesem ausschließlich von privatem Engagement getragenen Blog übersetzte Primärquellen wie die thailändische Verfassung, Gesetzestexte sowie aktuelle Gerichtsurteile. Man läßt aber auch Quellen wie Zeitungsberichte und bemerkenswerte Kommentare in seriösen Medien nicht außer Acht.

Woher nehmen die Autoren das Selbstbewußtsein zu diesem für Deutschland bisher wohl einmaligen Weg, über ein Land zu informieren?

Dazu darf man wissen, daß ein Studium der Südostasienwissenschaften heute nicht mehr – wie noch vor zwei Jahrzehnten – mehr oder weniger vom heimischen Herd aus nebenbei betrieben werden kann. In den 1990er Jahren führte der Ethnologe und Historiker Barend Jan Terwiel als Leiter des Asien-Afrika Instituts in Hamburg zum Beispiel ein, daß jeder Thaiistik-Student einige Zeit mit Feldstudien vor Ort verbringt, um auch wirklich die Sprache und Kultur der Thai-Völker (dazu gehören auch Laoten, Shan, Ahom und zahlreiche weitere) verstehen zu lernen. Diesem und ähnlichen Neuerungen folgten seitdem viele Universitäten. Wer heute ein Studium der Thaiwissenschaft abschließt, besitzt in aller Regel „handwerkliche“ Grundlagen und Kenntnisse, von denen auch ausgebildete Wissenschaftler früher oft nur träumten.

Das unterscheidet diese Leute, um es mal offen zu schreiben, von leider vielen Journalisten und auch von anderen sogenannten Experten, die ebenfalls über Thailand schreiben.

Die Passauer Webseite ist noch nicht ganz ausgegoren, aber man sieht, daß hier allgemeinverständliche Informationen zur Verfügung stehen, die es so komprimiert auf Deutsch bisher nicht gab. Man kann nur wünschen, daß sich viele Leser hier informieren, insbesondere auch Journalisten.

Bisher stehen über ein Dutzend Beiträge auf der Seite, überwiegend geschrieben oder ediert von derzeitigen oder auch ehemaligen Studenten der Südostasienabteilung der Universität Passau wie etwa Chalit Durongphan von der Universität Bamberg. Jürgen Gabel schreibt in einer Art Prolog, daß das Passauer Internet-Tagebuch es sich zur Aufgabe gemacht habe,

… sowohl das politische System Thailands in seiner verfassungsrechtlichen Gestaltung zu analysieren als auch aktuelle politische Ereignisse strukturiert und verständlich zu erklären und einzuordnen.

Dazu hält man sich vor allem an überwiegend selbst übersetzte Primärquellen wie Verfassung, Gesetze und Urteile; es werden aber auch eigene sowie übersetzte Artikel aus englischsprachigen und Thai-Medien zur Lektüre geboten. Einige Titel wirken akademisch, aber die meisten Texte kommen flüssig und leicht lesbar, einige durchaus „journalistisch“ daher:

Jürgen Gabel: „Rothemden, Gelbhemden, Schwarzhemden…“
Jelena Heitz, Rebecca Brosi: „Vorgeschichte der […] politischen Krise […].“
Jürgen Gabel: „Kompetenzen und Befugnisse der […] Verfassungsorgane […].“
Chalit Durongphan, Jürgen Gabel: „Schritt für Schritt zum neuen PM.
Chalit Durongphan, Tilman Engels: „Urteil des […] Verfassungsgerichts […].“
Theresa Mockel: „Thaksin Chinnawat.“
Chalit Durongphan: „Die Klage über die Ungültigkeit der Wahl […].“
Carolin Tzschentke: „Die Wahlkommission.“
Chalit Durongphan: „Das Verfassungsgericht.“
Florian Reinold: „People’s Democratic Reform Commitee (PDRC).“
C. D.: „Scheitern des Staates? – Ein Überblick.“
Christine Günster, Lea Kienlein: „Korruptionsbekämpfung in Thailand.“
Natalia Ida, C. D.: „PDRC-Demonstranten: Eine Spurensuche.“

Auf der Passauer Webseite schreiben aber nicht nur Studenten und ehemalige Studenten. Besonders fallen die Gastbeiträge von Autoren auf, die erfreulicherweise alle nicht dafür bekannt sind, um den heißen Brei herumzureden und zu -schreiben: Chuwit Kamonwisit, der ebenso bekannte wie umstrittene Bangkoker Politiker, David Streckfuss (Universität Khong Kaen) und Rüdiger Korff, Inhaber des Lehrstuhls für Südostasienstudien (Festland) der Universität Passau:

Rüdiger Korff: „Netzwerk der Kontrollorganisationen in Thailand.“
Chuwit Kamonwisit: „Die Demokratie ist tot.“
Rüdiger Korff: „Ein zersplittertes Land?“
David Streckfuss: „[…] Einen Bürgerkrieg umgehen.“

Suthep Thueaksuban und seine finster dreinblickenden sogenannten Wachleute streiten für eine andere Art von Demokratie in Thailand. (Bild: ช้าง เบามันน์)

Suthep Thueaksuban

Gibt es etwas zu kritisieren? Inhaltlich kaum, freuen würde man sich vielleicht noch über eine etwas leser- und lesefreundlichere Typographie der Seite.

Zum Schluß noch ein Wunsch: Von einem sprachlich so kompetenten Team sollten leider verbreitete, etwa von unbedarften PR-Schreibern von Politikern und Parteien fehlerhaft begonnene und dann nahezu überall gedankenlos abgeschriebene Übertragungen thailändischer Begriffe nicht übernommen werden (z. B., wie geschehen, „Phue Thai“ oder „Pheu Thai“ statt korrekt Phuea Thai, „Taugsuban“ oder „Taungsuban“ statt korrekt Thueaksuban usw.). Durch redaktionelle Konsequenz, zumindest aber durch entsprechende Anmerkungen, könnte den Lesern eine Vorstellung davon gegeben werden, wie man die betreffenden Begriffe und Namen tatsächlich ausspricht. Idealerweise natürlich, indem man die eigentlich einfachen Romanisierungsregeln für die thailändische Sprache anwendet.

Angesichts der Freunde, so eine Informationsquelle nun auf Deutsch zur Verfügung zu haben, war das aber keine Kritiik, sondern Ausdruck der Erwartung, daß an dieser hervorragenden Seite weiter geschrieben und wohl auch noch gelegentlich gefeilt wird.

19 Antworten zu Bessere Thailand-Information

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