Phakinee

ภคินี ดอกไม้งาม

Grenzen der Unberührbarkeit?

Wissenschaftler bezweifeln, daß die Geschichte vom angeblichen heldenhaften Kampf des Thai-Königs Naresuan auf dem Elefantenrücken gegen den birmanischen König 1593 in Nong Sarai stimmt. Schon ein solcher Zweifel ist für eifrige Monarchisten in Thailand Anlaß für eine Anzeige wegen Majestätsbeleidigung.

Zweifel als Beleidigung?

Thailand wird seit dem 20. Mai 2014 wieder, wie oft in seiner Geschichte, von seinem chauvinistischen Militär beherrscht. Nicht nur, aber vor allem mit Hilfe des Vorwurfs soge­nann­ter Majestätsbeleidigungen, die für Nicht-Thais fast aus­nahms­los lächerlich und an den Haaren herbeigezogen an­muten, wird substan­zielle Kritik an herrschenden Zu­stän­den und Unge­rechtig­keiten im Keim erstickt. Das archaische Majestätsbeleidigungsgesetz in Thailand, das weltweit seinesgleichen sucht (bis zu 15 Jahre Gefängnis pro Vorfall) schließt sogar Thong Daeng, einen Hund des Königs, mit ein.

Sie glauben das nicht? Bitte: http://www.prachatai.com/english/node/4623 . https://thaipoliticalprisoners.wordpress.com/tag/thong-daeng/

Aber das ist nicht alles: 15 Jahre Gefängnis pro behaupteter Majestätsbeleidigung stehen sogar dann auf dem Menü, wenn ein Monarchist in Thailand einen Vortrag hört und annimmt, daß darin einer der zahlreichen historischen und schon seit Jahrhunderten toten Gottkönige „beleidigt“ worden sei (weiteres dazu weiter unten). Und als kleines Schmankerl obendrauf ist es in Thailand auch keineswegs so, daß eine Majestätsbeleidigung etwa vom Ankläger zweifelsfrei bewiesen werden müßte. Weit gefehlt! In der Praxis müssen Beschuldigte im Lande des Lächelns gerade in diesen Fällen, in denen Ermittler und Richter in aller Regel besonders eifrig sind, gegen feindlich gesinnte Staatsanwälte und gegen oft erkennbar voreingenommene Richter ihre Unschuld beweisen.

Thailands Gefängnisse sind voll von Menschen, die in diesem Unrechtssystem dazu nicht in der Lage waren. Und während Ausländer nach ein paar Monaten oder einem Jahr (ganz selten länger) in aller Regel begnadigt werden, müssen die Landeskinder unter dem Bild ihres gütigen, wie einen Halbgott verehrten Königs ihre Strafe meistens bis zum letzten Tag absitzen. Und zwar perfiderweise mit Sicherheit immer dann, wenn sie sich für unschuldig halten und das Urteil unverschämterweise anfechten. Das gilt auch für berufstätige Mütter und pensionierte Großväter, die den Empfänger ihrer angeblichen Beleidigungen nicht einmal kannten.

Ein neuer Tiefpunkt royalistischer Hexenjagd in Thailand wurde kürzlich erreicht, nachdem der 82jährige Soziologe und Menschenrechtler สุลักษณ์ ศิวรักษ์ Sulak Siwarak („Sivaraksa“) am 5. Oktober 2014 in einem Seminar an der Thammasat Universität die offizielle Darstellung des sagenumwobenen Krieger-Königs Naresuan „des Großen“ angezweifelt hatte. Der soll unter anderem im März 1593 in Nong Sarai (1) höchstpersönlich ein heldenhaftes Duell auf dem Elefantenrücken gegen einen birmanischen König ausgefochten und diesen dabei getötet haben.

Sulak hatte vermutlich einen Aufsatz gelesen, den der emeritierte Professor am Asien-Afrika Institut in Hamburg, Barend Jan Terwiel, für das Jahrbuch 2013 der Siam Society geschrieben hat. Darin ging er den Quellen dieser in allen thailändischen Schulbüchern stehenden Erzählung nach. Das Ergebnis, verkürzt wiedergegeben: Es gibt zehn unabhängige Berichte über den Krieg zwischen Thailand und Birma im Jahr 1593, von Portugiesen, Birmanen, Thais, Persern, Niederländern und Franzosen. Keiner von diesen bestätigt den Inhalt des in Thailand gelehrten Heldenlieds – ausgenommen die „Königliche Chronik von Ayutthaya“.

Im Gegenteil kommt Naresuan in den meisten Berichten nicht gut weg. Eher müßte man ihn demgemäß als brutalen und grausamen Despoten schildern, der zum Beispiel Gefangene lebend in siedendes Kokosöl werfen ließ. Und bezüglich des angeblichen Zweikampfs mit dem birmanischen König scheint offenbar der Wahrheitsgehalt derjenigen Berichte am höchsten zu sein, nach denen hauptsächlich ein in Rage geratener Elefant, nicht aber Naresuans Heldentum, am Tod des birmanischen Königs in Nong Sarai schuld war.

Plakate der bisher erschienenen Teile des patriotischen Naresuan-Historienschinkens. Zweifel am Wahrheitsgehalt der offiziellen Geschichte kann in Thailand Majestätsbeleidung sein. Darauf stehen nach § 112 des Strafgesetzbuchs 15 Jahre Gefängnis.

Plakate der bisher erschienenen Teile des patriotischen Naresuan-Historienschinkens.

Sulak ist Soziologe, kein Historiker, und zudem hat er die Quelle seines Wissens bei seinen Ausführungen im genannten Seminar nicht genannt. Das ändert aber nichts daran, daß sein Vortrag – und vor allem seine Fragestellung an das junge Publikum – angesichts der chauvinistischen und kritiklosen Einstellung vieler Thais zur offiziell gelehrten Großartigkeit der Taten früherer Könige mutig war.

So bezog er sich auf den kurz zuvor erschienenen fünften Teil des Films ตำนานสมเด็จพระนเรศวรมหาราช (tamnan somdet phra naresuan maharat: „Chronik des verehrten Königs Naresuan des Großen“). Dabei handelt es sich um einem mehrteiligen Historienschinken, der teilweise durch das Militär finanziert worden ist und an dem auch Mitglieder des Königshauses beteiligt sind. Wenig überraschend hatte der Putschgeneral und selbsternannte Premierminster Prayut Chan-ocha den Film in den höchsten Tönen gelobt. Um den Patriotismus der Bevölkerung zu befeuern, gab es im Juni 2014 wochenlang kostenlose Vorführungen im ganzen Land.

Sulak bezeichnete den Film in seinem Vortrag als „Propaganda“, die von der diktatorischen Militärjunta benutzt werde und fügte hinzu, daß ausländische Zeitgenossen den schon vor über 400 Jahren vermutlich an den Pocken gestorbenen Naresuan als „grausam, böse, egoistisch und feige“ beschrieben hätten. Tatsächlich ist in diesen Aufzeichnungen nur wenig von dem großartigen Helden Naresuan zu finden, als den ihn thailändische Behörden, Filme und Schulbücher präsentieren.

„Wieviele einfache Soldaten mußten jedesmal sterben, wenn König Naresuan in einen Krieg zog?“ fragte Sulak. „Wieviele von ihren Frauen sind Witwen geworden? Wieviele Kinder zu Waisen?“ Und der Soziologe schloß: „Wenn wir die Geschichte so betrachten, werden wir erkennen, wie wichtig es ist, den Frieden zu suchen, statt den Krieg.“

Einige Tage nach diesem Vortrag in der Thammasat Universität besuchten Royalisten am 17. Oktober die unweit der Universität befindliche Polizeistation nahe des Wat Chana Songkhram und zeigten Sulak wegen Majestätsbeleidigung an. Keinem der Eiferer war dabei wohl bewußt, daß die Forschungsergebnisse hinter Sulaks Ausführungen kurz zuvor im Jahrbuch der Siam Society erschienen war. Dabei handelt es sich um die älteste und internationel bekannteste wissenschaftliche Publikation Thailands, die erstmals 1905 unter der Schriftleitung von Oskar Frankfurter erschienen war, dem Direktor der Nationalbibliothek und langjährigem Vorsitzenden der Siam Society.

In der Tat wurden offenbar Ermittlungen für ein Verfahren aufgenommen, denn der Historiker พิพัฒน์ กระแจะจันทร์ Phiphat Krachaechan von der Thammasat Universität, der die Veranstaltung am 5 October 2014 organisiert hatte, wurde inzwischen von der Polizei dazu verhört.

Falls es zu einem Verfahren kommt, wird man sehen, wie konsequent die in Fällen von Majestätsbeleidigung in aller Regel besonders eifrigen Behörden, Staatsanwälte und Gerichte dann weiter vorgehen. An welchem Punkt des wohl unvermeidlichen Prozesses wird der 82jährige Sulak dem Gericht wohl erzählen, daß er sich die Geschichte keineswegs aus den Fingern gesaugt hat, sondern daß seine Quelle ein angesehenes wissenschaftliches Jahrbuch ist, das seit Chulalongkons Zeiten in Bangkok unter königlicher Schirmherrschaft herausgegeben wird?

Ob dann wohl die für das Erscheinen des Artikels letztlich mitverantwortlichen führenden Mitglieder der Siam Society ebenfalls angezeigt werden, darunter Verwandte des Königshauses?

(1) Der entscheidende Kampf in Nong Sarai soll am zweiten Tag des zweiten Monats des abnehmenden Mondes im Jahre Chulasakarat 954 gewesen sein; der Truppenaufmarsch bis zur entscheidenten Schlacht hätte demgemäß im Februar und März 1593 stattgefunden. Die offenbar von jedermann aus der Wikipedia abgeschriebene Jahreszahl 1592 ist nach B.J.Terwiel falsch.

Bilder: วิกิพีเดีย ไทย; Quellen: Eigene Recherche (©) und
http://www.khaosodenglish.com/detail.php?newsid=1413550189&section=00 sowie http://www.khaosodenglish.com/detail.php?newsid=1419424792&section=11

2 Antworten zu Grenzen der Unberührbarkeit?

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