Phakinee

ภคินี ดอกไม้งาม

Was ist Thai-Buddhismus?

Barend Jan Terwiel (links) Anfang 2009 anläßlich der Rückgabe eines Pali-Manuskriptes durch einen deutschen Sammler im Gespräch mit พระราชสุตกวี Phra Rat Suttakawi, dem Abt des Wat Mahan (Thanon Tanao, Bezirk Phra Nakhon) in Bangkok. [Bild © hmh.]

Im Wat Mahan in Bangkok 2009.

Barend Jan Terwiels Monks and Magic ist eines jener wissenschaftlichen Bücher, die nie veralten werden. Wer sich für die Religion der Thais interessiert, darf auch andere Bücher lesen, aber Monks and Magic ist meiner Meinung nach dafür so unentbehrlich wie Der Wohlstand der Nationen für einen Volkswirtschaftler oder Die Entstehung der Arten für einen Biologen. Vor eineinhalb Jahren erschien diese 40 Jahre alte Pflichtlektüre für alle, die sich ernsthaft für die Glaubenswelt der Thais interessieren, völlig neu bearbeitet, aktualisiert und ergänzt.

Der jetzt in Berlin lebende Anthropologe Terwiel war bis zu seiner Emeritierung 2007 Professor für Thai und Lao Sprachen und Literaturen am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg. Mit seiner seit den 1960er Jahren recherchierten und 1972 angenommenen Doktorarbeit hat er ein schon fünfmal nachgedrucktes Standardwerk über den „Thai-Buddhismus“ geschaffen. Es wird schon deshalb nicht mehr zu ersetzen sein, weil es das ländliche Thailand, in das Terwiel vor einem halben Jahrhundert eintauchte, mit seiner damaligen religiösen Ausprägung heute nicht mehr gibt.

Wie es entstand, wäre selbst schon ein Buch wert: 1962 wurde Terwiel als niederländischer Rekrut aus West-Neuguinea evakuiert. Sein Rückflug war um genau eine Person überbucht. Er trat freiwillig zurück, was ihm einen ungeplanten Aufenthalt in Bangkok bescherte. Terwiel: „Ich mußte dort ein paar Tage auf den Anschluß warten und nutzte die Zeit. Zufällig traf ich diese nette Studentin von der Thammasat Universität. “

Es war der Beginn einer Freundschaft, die ein Leben lang hielt (die Frau starb schon vor 20 Jahren), obwohl beide unterschiedliche Wege gingen. Terwiel studierte Anthropologie, Buddhismuskunde und Pali in Utrecht. Einer seiner Professoren war der unorthodoxe Robert van Gulik. Der gab ihm einen Thai-Sprachlehrgang mit Schellackplatten, die sich Terwiel auf einem Grammophon für 78 Umdrehungen pro Minute anhörte. Mit seinem Abschluß gewann er ein Stipendium der Australischen Nationalen Universität in Canberra mit Gelegenheit zu Feldstudien in Thailand.

Durch Vermittlung seiner Freundin und ihrer Tante als Sponsorin (Terwiel nennt sie „meine thailändische Großmutter“) gelang es ihm, als bis heute einziger Ausländer für die Dauer einer „Regenzeit“ (die Zeit, in der die Mönche das Kloster nicht verlassen, in seinem Fall dauerte das knapp über sechs Monate) in das Wat Sanchao, einen ländlichen Tempel bei Ratchaburi, aufgenommen zu werden. Dem Leben als Mönch schlossen sich weitere sechs Monate im Dorf seiner „Großmutter“ an. Nach einem Jahr Unterbrechung ging Terwiel abermals für vier Monate zu den Abschlußrecherchen nach Thailand. Diese unternahm er mit einem jungen Thai, Somkhuan Sutthichai, als Assistenten.

สมควร สุทธิชัย Somkhuan Sutthichai im Jahre 1984 [Bild: Sammlung Terwiel]

Somkhuan Sutthichai

Somkhuan war ebenfalls Mönch im Wat Sanchao gewesen. Terwiel hatte ihm im Gegenzug für seine Hilfe das Photographieren beigebracht und ihm eine Kamera geschenkt. Sie blieben in Kontakt (Terwiel bewahrt tausende Photos von Somkhuan auf, die hauptsächlich anläßlich religiöser Zeremonien und Ereignisse gemacht wurden), und als er ihn 2010 bei den Recherchen zur jüngsten Auflage des Buches wieder traf, blickte sein Freund auf eine erfolgreiche Karriere als landesweit bekannter Pressephotograph zurück.

Terwiel erinnert sich an den Beginn seiner Recherche: „In meinem Studium hatte ich gelernt, daß es in Thailand den Buddhismus, aber auch Animismus und Brahmanismus nebeneinander gäbe. So stand es in den Büchern. Für den Brahmanismus beschrieb man die Rituale, zum Beispiel den ersten Haarabschnitt des Kindes. Was den Animismus betraf, ging es vor allem um den verbreiteten Geisterglauben. Und beim Buddhismus glaubt natürlich jeder Bescheid zu wissen; denn es geht ja sicher um ‚Die Vier Wahrheiten des geistig Edlen ‘ und den ‚Achtfaltigen Pfad‘, nicht wahr? So lehrte es schon Max Müller, der den Buddhismus in Europa bekannt gemacht hat.“

Für seine Doktorarbeit wollte Terwiel in einem thailändischen Dorf nachforschen, wie diese drei unterschiedlichen Religionen gleichzeitig praktiziert werden, und wo die Abgrenzungen waren. So lautete die Beschreibung seiner Feldstudie. „Ich nahm die sich mir durch den Familienanschluß bietende einmalige Gelegenheit mit beiden Händen an. Als buddhistischer Mönch konnte ich mein Thema in Ruhe studieren und gleichzeitig eine sinnvolle Rolle im Dorf einnehmen.“

Terwiel war der erste Farang Bettelmönch (Thai-Sanskrit: ภิกษุ phiksu, Thai-Pali: ภิกขุ; phikkhu) in der Provinz. Eine Attraktion: „Hunderte Schaulustige haben mich befragt. Wenn eine Familie oder eine Gruppe eine Zeremonie durchführen mußte, wurde ich stets dazu eingeladen: Haussegnungen, Kremationen, Kranke besprenkeln, Erntefeste, Regenmachen, Tätowieren, Gelübde abnehmen. Das war mehr als sechs Monate lang meine regelmäßige Abwechslung vom täglichen Essensammeln, Meditieren, Studieren, und Pali Texte auswendig lernen.“

Barend Jan Terwiel vor einigen Jahren im Gespräch mit einem Mönch im Wat Lat Krabang in Bangkok vor einem Abbild von พระสังกัจจายน์ Phra Sangkatchai, einen der berühmtesten Jünger Buddhas. [Bild © hmh.]

Im Wat Lat Krabang.

Schnell wurde ihm dabei eines klar: „Mein ursprüng­liches Thema war barer Unsinn: es gab im Dorf gar keine Abgrenzungen zwischen Brahmanismus, Buddhismus und Animismus. Und kein Mensch wußte, was der „achtfache Pfad“ ist. Was es gab, war eine lebendige Religion, in der über Jahrhunderte hinweg buddhistische Elemente und Brahmanische Riten in einer animistischen ‚Suppe‘ zum Eintopf geworden waren.“

So entstand Monks and Magic, das 1976 nach einer gründlichen Bearbeitung erstmals als Buch erschien. Eine zweite Auflage kam 1979 heraus, die dritte 1994 (nachgedruckt 2001), die bisher letzte schließlich, erneut gründlich überarbeitet und verbessert, 2012: Fünf Nachdrucke einer wissenschaftlichen Arbeit in einem vergleichsweise überschaubaren Fachbereich über einen Zeitraum von 40 Jahren.

Wertvoll finde ich in diesem Buch nicht nur die Beschreibungen und Erklärungen religiöser und pseudoreligiöser Rituale und Glaubensinhalte. Monks and Magic ist ein Werk, das überhaupt Erklärungen für die Lebenswelt der Thais anbietet, und das bis heute.

So werden etwa genau die – nicht nur religiösen – Rituale beschrieben, denen so gut wie jedes thailändische Kind unterworfen wird: Fast jedes Kind in der Umgebung von Wat Sanchao war zum Beispiel schon im Alter von weniger als einem Jahr in der Lage, die üblichen Höflichkeitsgesten zu produzieren und die gesellschaftlich verlangten Respekts- und Unterwerfungspositionen einzunehmen (Seite 49). Ebenso interessant ist es für den Leser, wenn Terwiel erläutert, ab welchen Alter und in welchen Details sich die Erziehung der Mädchen und Jungen unterscheidet (50) und inwiefern im Rahmen der Erziehung zu Respekt und Gehorsam gegenüber Eltern, höhergestellten Personen, dem König, der Religion und der Staatsmacht erstaunliche Parallelen zwischen der religiösen und nationalistischen Erziehung bestehen (58).

Daß einige der zahlreichen Geister vorgestellt werden, ist zu erwarten (53). Man erfährt von den allgegenwärtigen phi ban, den Geistern der Vorfahren, die oft harmlos sind, aber argwöhnisch darüber wachen, was ihre Nachkommen oder Nachfolger mit ihrem einstigen Besitz anstellen. Man liest von dem berühmten phi krasue, der sich von Fäkalien ernährt und in keinem ordentlichen Thai-Horrorfilm fehlt, bis zu den abscheulichen phi taihong, deren schlimmste Variante dann entstehen kann, wenn eine Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt stirbt.

Breiten Raum nimmt die Schilderung der Herstellung und des Vertriebs der allgegenwärtigen Amulette und Abbildern berühmter Mönche, des Buddha oder gar von früheren Königen ein, sowie die Gründe für deren individuellen Gebrauch (76); ebenso geht es ausführlich um den Eintritt ins Kloster und das Verlassen desselben; um Sexualität, Homosexualität und Lüge (110); religiöse Tätowierung, heranwachsende Jugend, Partnerwerbung, Familiengründung, Hausbau, Alter und Tod. Aufschlußreich auch der Abschnitt über das Verhalten der Mönche gegenüber Frauen und die Stellung der Frauen im Umfeld der Mönche (245). Dem Weiblichen begegnet man auch im Sangkha des Thai-Buddhismus – wie im Klerus der meisten Religionen – nicht auf Augenhöhe: Selbst dann, wenn er einen Hund berührt, sollte sich ein Mönch möglichst erst vergewissern, daß es ein Rüde ist (112).

Für viele Leser überraschend werden die Abschnitte sein, in denen über lotteriespielende Mönche (128) oder über die animistische Weltsicht berichtet wird, die bestimmten religiösen Gebräuchen zugrunde liegt. Zum Beispiel den „guten Gründen“ dafür, Frauen vom Großteil der wichtigen religiösen Praktiken und überhaupt vom religiösen Wissen auszuschließen (263). Dazu sei hier nur soviel verraten: Die Menstruation spielt für gläubige männliche Thais eine überaus bedeutende Rolle. Zum Beispiel kann Menstruationsblut auf eigentlich stark wirksame Amulette und Tätowierungen nach verbreitetem Wissen eine fatale Wirkung entfalten…

Wat Sanchao in den 1970er Jahren. [Bild © Sammlung Terwiel]

Wat Sanchao in den 1970er Jahren.

Einen ausführlichen Rückblick verbindet der Autor mit einer Fortschreibung seiner Studie. Ebenso wurden zahlreiche Bilder, die während der Feldstudie in den 1960er Jahren entstanden sind, neu eingefügt. Die jüngste Auflage darf man deshalb auch denjenigen empfehlen, die bereits eine frühere Auflage gelesen haben. Alle religiöse und sonstige wichtige Begriffe sind nun auch in Thai-Schrift einschließlich der offiziellen Übertragung nach RTGS in den Text eingefügt worden.

In einem siebenseitigen Glossar werden die verwendeten religiösen Begriffe nochmals im Zusammenhang erklärt. Das Literaturverzeichnis wurde ebenfalls über die seinerzeit verwendete Literatur hinaus fortgeschrieben und selbst das Register bietet auch dann immer wieder neue Entdeckungen, wenn man das Buch schon dreimal gelesen hat.

Monks and Magic ist eines derjenigen Bücher über Thailand, das der ernsthaft am Thema interessierte Leser garantiert mehr als einmal lesen wird. Es ist zu einem unentbehrlichen Nachschlagwerk geworden, das in meinem Bücherschrank zusammen mit wenigen anderen stets griffbereit direkt am Schreibtisch neben den Wörterbüchern im Regal steht. Das ist die höchste Ehre, die ich einem wissenschaftlichem Buch vergeben kann.

Barend Jan Terwiel: Monks and Magic. Revisiting a Classic Study of Religious Ceremonies in Thailand. Fourth Revised Edition. Copenhagen: NIAS Press, 312 Seiten, ISBN 978-87-7694-101-7, £19.99.

Monks and Magic

Barend Jan Terwiel: Monks and Magic. Revisiting a Classic Study of Religious Ceremonies in Thailand. Fourth Revised Edition. Copenhagen: NIAS Press [Nordic Institute of Asian Studies] 2013 [2012], 312 Seiten, broschiert ISBN 978-87-7694-101-7, £19.99, Preis in Deutschland ab ca. 28 Euro.

In Amerika ist das Buch bei University of Hawaii Press erschienen ($ 32).

Für Südostasien ist eine eigene Ausgabe bei Silkworm Books erschienen (Katalogpreis 850 Baht). In Bangkok ist das Buch bereits ab 765 Baht zu haben, zum Beispiel bei Chulabooks.

Weiterlesen: Die Offenbarung des Buddha

23 Antworten zu Was ist Thai-Buddhismus?

  1. Pingback: Geister, Amulette, Zauber, Brahmanen und Hindu-Götter: Was ist eigentlich "Thai-Buddhismus"? - ThailandTIP

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